Zum Hauptinhalt springen

Antirassistisch handeln – rassismuskritisch denken

Freiwilligendienste leben von Begegnung und Zusammenarbeit. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Hautfarbe, Sprache, sexueller Orientierung und sozialer Hintergründe bringen Erfahrungen, Ideen und Perspektiven mit. Diese Vielfalt macht Freiwilligendienste wertvoll – sie sind aber nicht automatisch ein geschützter Raum vor Diskriminierung und Rassismus. Vielfalt kann nur dann wirken, wenn wir aktiv gegen Diskriminierung vorgehen und Strukturen schaffen, in denen sich alle willkommen fühlen. Das bedeutet: Rassismus klar zu benennen, ihm entgegenzutreten und die eigenen Denk- und Handlungsmuster kritisch zu prüfen.

Rassismus erkennen

Um Rassismus zu erkennen, können sich die folgenden Reflexionsfragen im Kontext der eigenen Arbeit gestellt werden:

1. Sprache & Aussagen

  • Werden Freiwillige mit abwertenden Begriffen, Schimpfwörtern oder Witzen beschrieben?
  • Werden Freiwillige auf ihr „Aussehen“ oder ihre Herkunft reduziert („Du bist exotisch“, „ihr Leute seid immer so …“)?
  • Werden Eigenschaften ganzen Gruppen zugeschrieben („Alle XY sind faul/kriminell/ schlau“)?

2. Verhalten im Alltag

  • Werden Freiwillige anders behandelt, nur wegen Herkunft, Hautfarbe oder Religion (z. B. schlechterer Service im Restaurant, Freiwillige werden zu Unrecht häufiger ermahnt)?
  • Werden Freiwillige im Seminarkontext oder Team ausgegrenzt („Du gehörst nicht dazu“)?
  • Erleben Freiwillige ständige Nachfragen („Wo kommst du wirklich/eigentlich her?“), obwohl es nicht relevant ist?

3. Macht & Strukturen

  • Werden potenzielle Freiwillige mit „ausländisch klingendem Namen“ öfter im Bewerbungsverfahren abgelehnt, obwohl die Qualifikation passt?
  • Haben bestimmte Freiwillige schlechtere Chancen beim Zugang zu Wohnungen in der Stadt, in der der Freiwilligendienst stattfinden soll?
  • Gibt es Regeln oder Traditionen, die bestimmte Menschen systematisch benachteiligen (z.B. Mentorin folgt oft dem Prinzip „Ähnlichkeit schafft Vertrauen“, wichtige Informationen zirkulieren informell, Socializing (Alkohol, bestimmte Orte, Sprache) wirkt ausschließend)?
  • Werden Freiwilligen weniger Verantwortung zugetraut oder einige Aufgaben erst gar nicht übertragen, die z. B. ein vermeintlich höheres Niveau in der „Muttersprache“ benötigen?

4. Medien & Bilder

  • Werden bestimmte Freiwillige in der Öffentlichkeitsarbeit immer in derselben (negativen) Rolle dargestellt?
  • Fehlen positive oder vielfältige Darstellungen von Freiwilligen unterschiedlicher Herkunft?

Was bedeutet Antirassismus?

Antirassismus ist mehr als die bloße Ablehnung rassistischer Haltungen. Es ist ein bewusstes, aktives Handeln gegen jede Form von Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Herkunft oder kulturellem Hintergrund.

Das umfasst:

  • Rassismus erkennen und ansprechen – auch in scheinbar harmlosen Bemerkungen.
  • Betroffene unterstützen – zuhören, ernst nehmen, Rückhalt geben.
  • Ungleichheiten abbauen – durch faire Regeln, Zugänge und Beteiligungsmöglichkeiten.
  • Solidarität zeigen – im Seminar, Einsatzstellen oder Alltag.

Antirassismus heißt, Verantwortung zu übernehmen – nicht nur, wenn wir selbst betroffen sind, sondern immer dann, wenn wir Ungerechtigkeit sehen.

Was bedeutet Rassismuskritik?

Rassismuskritik geht einen Schritt weiter:

  • Sie untersucht, wie Rassismus in gesellschaftlichen Strukturen verankert ist – in Gesetzen, Institutionen, Bildung, Medien und im Arbeitsleben.
  • Sie fragt nach Macht und Privilegien: Wer profitiert von bestehenden Regeln und Gewohnheiten, wer wird benachteiligt?
  • Sie ermutigt dazu, die eigene Position zu reflektieren: Welche Vorteile genieße ich möglicherweise, ohne sie bewusst wahrzunehmen?
  • Sie versteht, dass Rassismus nicht nur das Problem „einzelner Menschen“ ist, sondern ein System, das wir gemeinsam verändern müssen.

Rassismuskritisch zu handeln bedeutet, aufmerksam zu bleiben, sich weiterzubilden und bereit zu sein, das eigene Verhalten anzupassen. Diese Einstellung sollte im Freiwilligendienst gelebt werden, um Freiwillige vor Diskriminierungserfahrungen bestmöglich zu schützen.

 

Mini-Checkliste: Rassismuskritisch handeln

✅ Zuhören, bevor man urteilt

✅ Fragen stellen, wenn etwas unklar ist

✅Eigene Routinen, Position und Strukturen hinterfragen

✅Diskriminierung nicht stillschweigend hinnehmen

✅Dranbleiben – auch, wenn es anstrengend ist.

 

 

 

Fünf praxisnahe Tipps für den Freiwilligendienst

1. Eigene Haltung prüfen

  • Nimm dir regelmäßig Zeit zur Selbstreflexion.
  • Frage dich: „Handle ich allen Menschen gegenüber gleich – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion?“

2. Sprache bewusst einsetzen

  • Vermeide Begriffe mit diskriminierender Geschichte – z. B. Fremdbezeichnungen von Personengruppen (kolonialrassistische Bezeichnung für Schwarze Menschen, Fremdbezeichnung und homogenisierender Begriff für Sinti:zze & Rom:nja, …)
  • Nutze Formulierungen, die alle einschließen – z. B. BIPoC

3. Zivilcourage zeigen

  • Sprich rassistische Äußerungen oder Handlungen klar an – auch wenn es unangenehm ist.
  • Unterstütze Betroffene, indem du ihre Perspektive ernst nimmst.

4. Perspektivenvielfalt fördern

  • Hole bewusst verschiedene Stimmen in Entscheidungsprozesse.
  • Verteile Aufgaben und Verantwortungen transparent und gerecht.

5. Lernbereitschaft leben

  • Besuche Fortbildungen zu Antirassismus und Diversität.
  • Lies Bücher, höre Podcasts und folge Autor*innen, die aus eigener Erfahrung über Rassismus sprechen (Dazu findest du in dem Kapitel „Weiterführende Literatur“ eine Auswahl).

 

Handlungsempfehlungen für den pädagogischen Raum

Rassistische oder diskriminierende Aussagen können auch in Seminaren vorkommen. Umso wichtiger ist es, dass Fachkräfte angemessen reagieren und einen klaren Rahmen setzen. Die folgenden Methoden sind dabei eine zentrale Unterstützung: Sie helfen nicht nur, respektvolle Lernräume zu gestalten, sondern befähigen die Teilnehmenden zugleich, auch in ihren Einsatz-stellen im Freiwilligendienst keine Rassismen zu reproduzieren. So tragen Seminare unmittelbar dazu bei, eine Haltung der Achtsamkeit und Solidarität zu fördern.

 

ÜBERZEUGEN

Perspektivwechsel & Empathie fördern
  • Fragen stellen wie: „Was würdest du tun, wenn du in dieser Situation wärst?“, „Stell dir vor, du wärst selbst betroffen.“
  • Wichtig: Dieser Perspektivwechsel ist nur bedingt möglich. Wer selbst nicht von Rassismus betroffen ist, kann die Erfahrungen nicht vollständig nachempfinden. Was jedoch spürbar ist: das Ungerechtigkeitsempfinden – ein zentraler Anknüpfungspunkt für solidarisches Handeln.
Ich-Botschaften einsetzen
  • „Wenn du (Aussage), fühle ich mich (Gefühl), weil (Begründung). Ich wünsche mir… (Wir-Satz).“
  • Verdeutlicht Gefühle und macht Bedürfnisse sichtbar.
Eigene Erfahrungen & positive Beispiele einbringen
  • Persönliche Geschichten erzählen.
  • Gegenbeispiele nennen, die Vielfalt und Respekt sichtbar machen.
Mit Wissen argumentieren
  • Auf Fakten und konkrete Beispiele zurückgreifen.
  • Gut belegte Informationen stärken die Position.

HINTERFRAGEN

Gespräch durch Nachfragen öffnen
  • „Wie meinst du das?“
  • „Woher weißt du das?“
  • „Hast du damit eigene Erfahrungen gemacht?“
Paraphrasieren
  • Gesagtes in eigenen Worten wiederholen, um Missverständnisse zu klären.
Das „die“ auflösen
  • „Wen genau meinst du mit die?“, „Was heißt für dich alle?“
Widersprüche aufzeigen
  • Folgen diskriminierender Aussagen benennen.

 

SOLIDARISIEREN

Nicht allein gegen alle
  • Gegenstimmen suchen und die Gruppe aktiv einbeziehen.
  • Fragen wie: „Was denkst du dazu?“ oder „Wie seht ihr das?“ öffnen die Debatte im Seminar. --> So wird die Unterstützung für Betroffene gestärkt.

 

UNTERBINDEN

Klare Grenzen setzen
  • Gesprächsregeln einfordern.
  • Aufforderungen klar formulieren: „Lass es bitte gut sein!“ oder „Ich möchte darüber nicht weiterreden“
Code of Conduct
  • Bereits vor Beginn des Seminares gemeinsam mit den Freiwilligen Regeln entwickeln.
  • Schafft eine verbindliche Grundlage für respektvolle Kommunikation.
Eigene Position verdeutlichen
  • „Ich habe eine andere Meinung.“
  • „Ich möchte darüber nicht weiter diskutieren.“

 

 

 

 

Abschließende Empfehlungen

Nach rassistischen Vorfällen sollte das Wohlbefinden der diskriminierten Freiwilligen stets an erster Stelle stehen. Kommt es im Rahmen von Seminaren zu rassistischen Äußerungen durch Freiwillige, interne- oder externe Referent*innen, ist es wichtig, diese unmittelbar zu thematisieren und nicht unkommentiert stehen zu lassen. Provozierende oder diskriminierende Aussagen sollten im offenen Dialog aufgearbeitet und pädagogisch reflektiert werden, sodass alle Beteiligten ihre Wirkung verstehen können.

Falls Unsicherheit besteht, ob es sich tatsächlich um Rassismus handelt, ist es ratsam, nach dem Seminar Rücksprache zu halten – sei es mit Kolleg*innen oder mit spezialisierten Fachstellen. Auf diese Weise kann die Situation eingeschätzt und, falls notwendig, im Nachgang noch einmal mit der Gruppe aufgegriffen werden.

Entscheidend ist, die Problematik klar und unmissverständlich zu benennen – nicht zu relativieren oder gar zu übergehen. Nur so lässt sich eine Haltung der Verantwortung und Solidarität im Seminar nachhaltig fördern.

Autor: Jannik Willers

Weiter lesen & weiterführende Ressourcen

  • Ogette, T. (2017). exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen. Münster: Unrast.
  • Ogette, T. (2022). Ein rassismuskritisches Alphabet. München: Goldmann.
  • El-Mafaalani, A. (2021). Wozu Rassismus? Von der Erfindung der Menschenrassen bis zum rassismuskritischen Widerstand. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
  • Fereidooni, K., & Hößl, S. E. (Hrsg.). (2021). Rassismuskritische Bildungsarbeit – Reflexionen zu Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer VS.
  • Scharathow, W., & Leiprecht, R. (Hrsg.). (2019). Rassismuskritik: Band 2: Rassismuskritische Bildungsarbeit. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag.
  • Sow, Noah (2018), Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus, BOD- Books on Demand Verlag.
  • Oguntoye, K./ Opitz, m. A./ Schultz, D. (2006): Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Orlanda.
  • Hasters, A. (2019): Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten, Hanserblau.
  • Dabiri, E. (2022): Was weiße Menschen jetzt tun können. Von „Allyship“ zu echter Koalition. Wie wir Ungleichheit für eine gerechtere Gesellschaft überwinden können. Ullstein.
  • Obuler, E./ RosaMag (2020): Schwarz wird großgeschrieben, &Töchter.

 

Instagram Kanäle:

  • gilda_sahebi
  • fereidooni.karim
  • aladinelmafaalani
  • tupoka.o
  • ufuq.de
  • datteltaeter
  • Volksverpetzer