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Jugendhilfe und dann? – Benachteiligung aufgrund sozialer Herkunft

Eine kurze Übersicht rund um das Thema Leaving Care

Wenn junge Menschen aus der stationären Jugendhilfe in ein selbstständiges Leben starten, stehen sie vor besonderen Herausforderungen – meist deutlich früher als ihre Altersgenoss*innen und mit deutlich weniger Ressourcen. Während viele junge Erwachsene mit Mitte 20 noch bei den Eltern wohnen, müssen Careleaver*innen die Jugendhilfe meist mit Erreichen ihres 18. Geburtstages verlassen.

Dabei sind sie oft auf sich allein gestellt: Oftmals ohne familiären Rückhalt oder andere verlässliche soziale Netzwerke, mit ungesicherter finanzieller Situation, ohne die Option einer Rückkehr in Phasen der Krise und nicht selten mit psychischer Vorbelastung. Hinzukommen weiterhin Faktoren wie der erschwerte Zugang zu Wohnraum, einem häufig zeitgleich stattfindenden Einstieg ins Berufsleben, Diskriminierungs- sowie Stigmatisierungserfahrungen u.v.m. All das macht den Übergang (auch: Leaving Care Prozess) zu einer besonders vulnerablen Phase im Leben der jungen Menschen.

1. Wer oder was sind Careleaver*innen?

Junge Menschen, die in der stationären Jugendhilfe oder in Pflegefamilien leben, werden als Care-Receiver*innen bezeichnet. In Deutschland betrifft das eine nicht unerhebliche Zahl: Im Jahr 2024 lebten laut Statistischem Bundesamt rund 128.000 junge Menschen in Heimen und etwa 87.000 in Pflegefamilien (Destatis, Statistische Bundesamt, Pressemitteilung Nr.435. Seit 2017 erstmals wieder mehr junge Menschen in Heimen und Pflegefamilien, 19.11.2024,www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/11/PD24_435_225.html, zuletzt abgerufen: 07.01.2026).

Der Begriff „Careleaver“ (engl. für „Fürsorge- bzw. Pflege-Verlasser“) bezeichnet junge Menschen, die einen Teil ihres Lebens in der stationären Jugendhilfe verbracht haben und den Übergang in ein eigenständiges Leben bewältigen – oder diesen bereits bewältigt haben. Auch im deutschsprachigen Raum hat sich der Begriff als Selbstbezeichnungetabliert – bewusst in Abgrenzung zu stigmatisierenden Begriffen wie „Heimkind“.

Letzterer ist bis heute mit negativen Bildern verknüpft und erhält Stigmata, etwa aus der Zeit der geschlossenen Heime und schwarzen Pädagogik der 1950er und 1960er Jahre. Dort dienten Begriffe wie „verwahrlost“ oder „schwer erziehbar“ als Etikett für die jungen Menschen und reduzierte sie auf ihre Unterbringung in den Einrichtungen.

Dabei sind die Gründe für eine stationäre Unterbringung so vielfältig wie die Biografien der betroffenen jungen Menschen selbst. Häufigste Gründe für Inobhutnahme 2021 laut statistischem Bundesamt in chronologischer Reihenfolge: Überforderung der Eltern, unbegleitete Einreise aus dem Ausland, Anzeichen für Vernachlässigung, Anzeichen für körperliche Misshandlung, Beziehungsprobleme, Anzeichen für psychische Misshandlung.

Gründe für eine Unterbringung in der stationären Jugendhilfe:

  • Erziehungskompetenz der Eltern mangelhaft/ gefährdend für das Kind
  • Suchterkrankung oder psychische Erkrankung der Eltern
  • Gewalt im Elternhaus
  • sexualisierte Gewalt
  • Entwicklungs- und/oder Verhaltensstörungen des Kindes
  • Überforderung der Eltern
  • Tod/schwere Erkrankung der Eltern

Der Begriff Careleaver*in soll negative Assoziationen vermeiden, Stigmatisierung entgegenwirken und die vielfältigen Herausforderungen im „Leaving Care” Prozess differenzierter abbilden.

2. Besondere Herausforderungen beim Übergang ins Erwachsenenalter

Die Adoleszenz gilt als eine Phase der Veränderungen und Herausforderungen. Individuelle Übergänge und Entwicklungsprozesse brauchen Zeit um durchlebt und bewältigt zu werden. Für Careleaver*innen ist dieser Übergang mit erhöhten Risiken verbunden, denn sie müssen ihn oftmals ohne stabile soziale Unterstützung, familiären Rückhalt oder finanzielle Sicherheit bewältigen.

Internationale Studien zeigen: Careleaver*innen haben beim Übergang ins Erwachsenenalter erhebliche Nachteile gegenüber Jugendlichen, die in ihren Herkunftsfamilien aufwachsen, insbesondere im Bereich sozialer Unterstützung (vgl. Köngeter et al. 2012).

Die Phase der Transition vom Jugend- ins junge Erwachsenenalter ist in der heutigen Zeit mehr denn je geprägt von Brüchen, persönlichem Austesten, einer immer größer werdenden Auswahl an Optionen, längeren Ausbildungszeiten und einer größeren Vielfalt an Entscheidungsverpflichtungen. Dies verlangt jungen Menschen hohe Anpassungs- und Bewältigungsleistungen ab, die immer auch mit einem erhöhten Risiko des Scheiterns einhergehen. (vgl. Klein et. al 2020)

Entwicklungspsychologische Modelle (vgl. u.a Bauer et al. 2021, Erikson et al. 2003) machen deutlich: Jugendliche brauchen Zeit, Unterstützung und sichere Räume für einen gelingenden Übergang. Es zeigt sich deutlich, dass Careleaver*innen dabei im Vergleich zu ihren Altersgenoss*innen vor besonderen Herausforderungen stehen.

Das von Erikson beschriebene „psychosoziale Moratorium” – eine Phase, in der junge Menschen sich ausprobieren dürfen, ohne sofort Verantwortung übernehmen zu müssen (z.B. hinsichtlich ihrer Berufswahl, etc.) – bleibt Careleaver*innen oft verwehrt. Ihnen fehlen oftmals sowohl emotionale Sicherheit als auch der nötige gesellschaftliche Schonraum. Die Erwartung, mit 18 „fertig“ zu sein, ignoriert biografische Belastungen und strukturelle Hürden.

Careleaver*innen sind unter anderem aufgrund des Mangels an verbindlichen sozialen Unterstützungsressourcen, sowie ihren oftmals prekären (finanziellen, emotionalen, etc.) Situationen in dieser kritischen Lebensphase besonders auf länger andauernde (staatliche) Unterstützung und Begleitung angewiesen. Auch Optionen, wie die (seit 2021) gesetzlich verankerte Nachbetreuung (§41a SGB VIII), können das nicht vollständig auffangen, auch, da ihre Umsetzung in der Praxis stark variiert und der Zugang dazu nicht immer einfach und oftmals unzureichend bekannt ist (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder-und Jugendhilfe, S. 413; 420).

Denn Careleaver*innen:

  • müssen früh ein hohes Maß an Verantwortung übernehmen
  • haben nachweislich geringere Bildungs-und Ausbildungschancen
  • verfügen über wenig (Schon)Räume, um sich auszuprobieren
  • erhalten nach ihrem 18. Lebensjahr oftmals keine (sozialstaatliche) Unterstützung in der Jugendhilfe mehr
  • sind aufgrund einschneidender biografischer Erlebnisse häufig zusätzlichen psychischen Belastungen ausgesetzt
  • erleben Stigmatisierung und Diskriminierung u.a. bei der Ausbildungs-/ Arbeits-/ Wohnungssuche
  • befinden sich nach dem Verlassen der Jugendhilfe häufig in finanziell prekären Situationen
  • verfügen häufig über wenig stabile soziale Unterstützung und erleben wiederholte Beziehungsabbrüche
  • erleben mit Beendigung der Hilfe einen weiteren Bruch und stehen gleichzeitig vor der Aufgabe, tragfähige Beziehungen ohne emotionale Abhängigkeiten zu gestalten

Herausforderungen im Freiwilligendienst

Careleaver*innen sind den strukturellen Belastungen des Freiwilligendienstes in besonderem Maße ausgesetzt und dadurch mit zusätzlichen Risiken konfrontiert. Ein Freiwilligendienst bietet neben vielen positiven Erfahrungen auch zahlreiche Herausforderungen für junge Menschen besonders für Careleaver*innen. Dazu zählen unter anderem die geringe Bezahlung, eine oft erstmalig hohe Arbeitsbelastung sowie eine starke emotionale Beanspruchung. Für Careleaverinnen verstärken sich diese Hürden zusätzlich: Der Rückhalt durch ein soziales oder familiäres Netzwerk, das in finanziellen Notlagen Unterstützung bieten könnte, fehlt häufig. Eigene herausfordernde Erfahrungen verstärken die emotionale Belastung, und nach Ende des Freiwilligendienstes droht nicht selten ein erneuter Bruch in der Lebens- und Bildungsbiografie.

3. Möglichkeiten der Unterstützung

Entwicklungsprozesse enden nicht mit dem 18. Geburtstag. Gerade junge Menschen, die einen Teil ihres Lebens in der stationären Jugendhilfe verbracht haben, und nun in der Regel ohne elterliche Unterstützungsressourcen dastehen, benötigen über diesen Punkt hinaus verlässliche Begleitung.

Fachkräfte der Jugendhilfe sind hier in einer zentralen Rolle: Sie sollten die komplexen Lebensrealitäten von Careleaver*innen ernst nehmen, strukturelle Benachteiligungen erkennen und Räume schaffen, in denen Selbstbestimmung, Erprobung und Teilhabe möglich werden und stabile Beziehung anbieten. Gleichzeitig gilt es, die jungen Menschen nicht auf ihre Biografie zu reduzieren. Careleaver*innen bringen eine Vielzahl an Kompetenzen, Resilienz und unterschiedlichste Ressourcen mit in die pädagogische Arbeit – diese gilt es zu sehen, zu stärken und wertzuschätzen.

 

Empfehlungen für die Praxis im Jugendhilfesystem:

Beziehungen statt nur Zuständigkeiten

Careleaver*innen benötigen verlässliche Bezugspersonen – auch über das Ende der Hilfe hinaus. Eigene soziale Netzwerke sind ebenso wichtig wie rechtliche, lebenspraktische oder finanzielle Unterstützung.

Unterstützung im Alltag ermöglichen

Hilfe beim Umzug, bei Bewerbungen oder beim Zugang zu Behörden – praktische Lebensbegleitung kann entscheidend sein und sollte niedrigschwellig verfügbar sein.

Empowerment stärken

Careleaver*innen sollten in Entscheidungsprozesse einbezogen und in ihrer Selbstvertretung unterstützt werden – z. B. durch die Förderung von Selbstvertreterzusammenschlüssen (§ 4a SGB VIII), Kollektiven oder anderen Netzwerken.

Strukturen kritisch reflektieren

Fachkräfte können und sollten die Rahmenbedingungen der stationären Jugendhilfe und deren Übergang kritisch hinterfragen – mit dem Ziel, langfristige und gerechtere Unterstützungsangebote zu etablieren.

Den Menschen hinter dem Status „Careleaver*” sehen

Die gemachten Erfahrungen sind prägend, definieren aber einen Menschen nicht. Stigmatisierung und Bevormundung sollten aktiv vermieden werden: die Potentiale und Kompetenzen junger Menschen sehen und unterstützen.

Den Careleaver*-Status ernst nehmen

Der „Abschluss“ der Jugendhilfe markiert nicht das Ende der Care-Erfahrung – vielmehr ist es häufig ein lebenslanger Prozess und biografisch prägend.

Informieren

Über Kollektive, Stipendienmöglichkeiten, alternative Projekte, rechtliche Beratung, etc.; auf Seiten wie der des Careleaver e.V. , Careleaver* Kollektiv Leipzig, Ombudschaftlichen Beratungsstellen, der Kreuzberger Kinderstiftung, etc.

Konkrete Unterstützung für Careleaver*innen im Freiwilligendienst

Für die folgenden Hinweise und Empfehlungen gilt zu beachten:

  • alles nur bei Bedarf und individuell
  • nicht paternalistisch und bevormundend handeln
  • Recht auf eigene Lebensentscheidungen beachten
  • unterstützen, die eigenen (psychischen) Grenzen zu erkennen und zu wahren

Bürokratische und finanzielle Unterstützung

  • Bereitstellung/Akquise zusätzlicher finanzieller Hilfen (Information über Stipendien z.B.: ArbeiterKind.de
  • Unterstützung bei der Beantragung von Sozialleistungen (z.B. Wohngeld), Stipendien oder anderen Fördergeldern
  • Hilfe bei der Wohnungssuche
  • Unterstützung bei der Erledigung behördlicher und administrativer Aufgaben
  • Freistellungen bei Bedarf, sowohl für Jugendamt-spezifische Themen, als auch in Phasen hoher (emotionaler) Belastung

Emotionale und psychologische Unterstützung

  • Möglichkeiten und Gesprächsanlässe bieten, um über Carebiografie und Herausforderungen zu sprechen
  • positiv wertschätzender, vorurteilsfreier Umgang (ohne Druck!)
  • Zugang zu psychologischer Beratung und Therapie durch Information über Netzwerke und geeignete Stellen erleichtern (z.B. Careleaver*Kollektiv, Lebensberatungen, o.ä.)

Mentoring und Begleitung/ Betreuung

  • Zuweisung einer verlässlichen Bezugsperson, die aktiv den Austausch sucht
  • regelmäßige Reflexionsgespräche zur persönlichen und beruflichen Entwicklung
  • Unterstützung beim Aufbau von Netzwerken und Kontakten
  • ggf. Anpassung der Arbeitszeiten und Aufgaben, die die individuellen Bedürfnisse (Arbeitsweg beachten, etc.)

Bildungsunterstützung

  • Gesprächsanlässe bieten über Möglichkeiten der Weiterbildung zu sprechen, dabei motivierend und mit Vertrauen in die Fähigkeiten des jungen Menschen vorgehen
  • Unterstützung bei der Planung und Umsetzung weiterer Bildungs- und Ausbildungswege (z.B. kann die freiwillige Person in der jetzigen Einsatzstelle eine Ausbildung machen oder gibt es Kontakte zu ähnlichen Einrichtungen).
  • Reflexionsfragen für Fachkräfte im Freiwilligendienst
  • Welche Belastungen sind nicht „persönliche Probleme“ der Careleaver*innen, sondern Ausdruck struktureller Hürden im Freiwilligendienst?
  • Wo gelingt es mir, die Stärken und Potenziale von Careleaver*innen wahrzunehmen – und wo ertappe ich mich dabei, sie auf Defizite zu reduzieren?
  • Welche niedrigschwelligen Hilfen (praktisch, finanziell, emotional) kann ich in meiner Rolle tatsächlich leisten oder zugänglich machen?
  • Wie stelle ich sicher, dass Careleaver*innen eigene Entscheidungen treffen können – ohne bevormundet oder paternalistisch behandelt zu werden?
  • Welche Bedingungen in meiner Einrichtung oder im System Freiwilligendienst benachteiligen Careleaver*innen – und was könnte ich selbst zur Veränderung beitragen?

Reflexionsfragen für Fachkräfte im Freiwilligendienst

1. Welche Belastungen sind nicht „persönliche Probleme“ der Careleaver*innen, sondern Ausdruck struktureller Hürden im Freiwilligendienst?

2. Wo gelingt es mir, die Stärken und Potenziale von Careleaver*innen wahrzunehmen – und wo ertappe ich mich dabei, sie auf Defizite zu reduzieren?

3. Welche niedrigschwelligen Hilfen (praktisch, finanziell, emotional) kann ich in meiner Rolle tatsächlich leisten oder zugänglich machen?

4. Wie stelle ich sicher, dass Careleaver*innen eigene Entscheidungen treffen können – ohne bevormundet oder paternalistisch behandelt zu werden?

5. Welche Bedingungen in meiner Einrichtung oder im System Freiwilligendienst benachteiligen Careleaver*innen – und was könnte ich selbst zur Veränderung beitragen?

 

Das Careleaver* Kollektiv Leipzig

Im Careleaver* Kollektiv Leipzig arbeiten Menschen mit und ohne Jugendhilfeerfahrung zusammen. Das Projekt existiert seit 2019 und wird gefördert durch das Amt für Jugend und Familie der Stadt Leipzig und die DROSOS STIFTUNG. Neben drei festangestellten Mitarbeiter*innen engagieren sich viele Freiwillige.

Das Kollektiv will die öffentliche Sichtbarkeit von Careleaver*innen stärken und und engagiert sich politisch für ihre Interessen. Dabei bietet es sowohl Raum für Austausch aber auch für die Organisation von Angeboten. Im monatlichen Plenum kommen die Mitglieder zusammen und tauschen sich über das aktuelle Geschehen und anstehende Projekte aus.

Angebote der Selbstvertretung (von Careleaver*innen für Careleaver*innen) sind beispielweise die Vernetzungsgruppe (ehemaliger) Pflegekinder “Wir für uns” oder das Kalenderprojekt 2024.

Das Kollektiv bietet außerdem Beratungen und Unterstützung für Careleaver*innen beim Start in die Selbstständigkeit an.

Fachkräfte und Interessierte finden im Projekt Möglichkeiten zur Vernetzung und Weiterbildung. Dazu findet ein regelmäßiger Fachaustausch statt sowie Workshops zum Thema Leaving Care für angehende Erzieher*innen oder Fachkräfte bei Trägern und Einsatzstellen von Freiwilligendiensten.

Autorinnen: Lea Bayer und Anna Fuchs