Antisemitismus ist eine Form der Gruppen-bezogenen Menschenfeindlichkeit, die sich gegen Juden*Jüdinnen als Personen richtet. Antisemitismus zeigt sich darüber hinaus in Verschwörungserzählungen und tritt oft chiffriert auf.
Der folgende Text gibt einen Einblick in das Thema Antisemitismus mit seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen und vermittelt erste Handlungsansätze im Umgang mit Antisemitismus im beruflichen Alltag.
In Deutschland leben etwa 225.000 Jüdinnen*Juden. Während nicht-jüdische Deutsche Antisemitismus lange nicht wahrnahmen oder als Problem einzelner Milieus externalisierten, war für Jüdinnen*Juden Antisemitismus schon immer alltagsprägend. Die Einstellungsforschung weist seit Jahren auf ein konstant hohes Niveau an Zustimmungen zu antisemitischen Aussagen aller sozialer Schichten hin.
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Situation deutlich verschärft: Die Massaker der Hamas an israelischen Zivilist*innen und Soldat*innen sowie der Gaza-Krieg führten zu einer massiven Zunahme antisemitischer Vorfälle auch in Deutschland. im Jahr 2024 wurden durchschnittlich knapp 24 Vorfälle pro Tag bundesweit registriert, die von israelfeindlichen Schmierereien, über Beleidigungen und körperlicher Gewalt gegenüber Personen bis hin zu Brandanschlägen auf jüdische Einrichtungen reichten (Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e. V. (Bundesverband RIAS) (2024): Jahresbericht. Antisemitische Vorfälle in Deutschland, report-antisemitism.de/bundesverband-rias/).Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Jüdinnen*Juden fühlen sich zunehmend bedroht, viele trauen sich nicht mehr jüdische Symbole offen zu tragen oder verschweigen, dass sie jüdisch sind, aus Angst vor antisemitischen Angriffen.
Diversitätssensibel in der pädagogischen Begleitung

Pädagogische Fachkräfte können dazu beitragen, dass sich jüdische Freiwillige in ihrer Einsatzstelle und in den Seminaren sicherer fühlen. Zu einer diversitätssensiblen Haltung gehört es, die Gruppe der Freiwilligen in ihrer Vielfältigkeit wahrzunehmen, die verschiedenen, sich möglicherweise überlagernden Diskriminierungserfahrungen zu erkennen und die daraus resultierenden Bedürfnisse der Betroffenen mitzudenken. Eine diskriminierungs- und machtkritische Haltung der Fachkräfte ist dabei grundlegend.
- Achten Sie darauf, in Ihrer (An-)Sprache keine Zuschreibungen zu machen, sondern geben Sie den Freiwilligen die Möglichkeit sich selbst vorzustellen und zu entscheiden, in welcher Runde sie welche Identitäten preisgeben.
- Vermeiden Sie es, die Freiwilligen zu Repräsentant*innen einer bestimmten Minderheit oder Expert*innen einzelner kriegerischer Konflikte zu machen, für die Sie sprechen können sollen. Dies wird den individuellen Erfahrungen und Selbstidentifikationen nicht gerecht.
- Geben Sie zugleich den Raum für Selbstentfaltung und ermöglichen Sie beispielsweise die Einhaltung von Speisevorschriften, Ernährungsformen oder Feiertagen.
Antisemitismus betrifft Jüdinnen*Juden und Menschen, die als jüdisch wahrgenommen werden. Doch Antisemitismus hat nichts mit Jüdinen*Juden selbst zu tun – es handelt sich um eine Vorstellung, eine Projektion von dem, wie Jüdinnen*Juden sind. In der nicht-jüdischen Mehrheitsbevölkerung gibt es wenig Wissen darüber, was jüdisch sein bedeutet. Ein grundlegendes Verständnis der unterschiedlichen Vorstellungen vom Jüdischsein ist ein wichtiger Bestandteil einer antisemitismuskritischen Haltung.
Die Frage, wer jüdisch ist, wird auch unter Jüdinnen*Juden unterschiedlich aufgefasst. Die strenge Auslegung der Halacha, wonach jüdisch ist, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum übergetreten ist, wird von säkularen Jüdinnen*Juden als zu eng abgelehnt. Jüdinnen*Juden identifizieren sich auf sehr unterschiedliche Weise mit ihrem Jüdischsein. Nur 42 Prozent der Jüdinnen*Juden in Deutschland sind in einer jüdischen Gemeinde organisiert (Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (2024): Mitgliederstatistik 2024 der jüdischen Gemeinden uns Landesverbände in Deutschland). Jüdinnen*Juden begreifen ihr Jüdischsein beispielsweise als Familientradition, andere als Zugehörigkeit zu einer Community, einige haben Verwandte in Israel, andere verstehen sich als Teil der weltweiten Diaspora. Mindestens 90 Prozent der heute in Deutschland lebenden Jüdinnen*Juden sind im Laufe der 1990er Jahre als sog. Kontingentflüchtlinge aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion nach Deutschland migriert. So unterschiedlich die Bezüge zum Judentum und Jüdischsein sind, teilen Jüdinnen*Juden jedoch die Erfahrung von antisemitischen Zuschreibungen in ihrem Alltag.
Formen von Antisemitismus heute: traditionell, modern, israelbezogen
Um Antisemitismus entgegen treten zu können, ist es wichtig, ihn zu erkennen. Laut der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die auch der Bundesregierung als Grundlage zur Bekämpfung von Antisemitismus dient, ist Antisemitismus „eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. (Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA): Wenn gleich Antisemitismus Jahrhunderte alt ist, überdauern antisemitische Bilder und Motive die Zeit und passen sich gesellschaftlichem Wandel an. Insbesondere in Krisensituationen werden antisemitische Verschwörungserzählungen des modernen Antisemitismus herangezogen, um die komplexe Realität zu vereinfachen und vermeintliche Schuldige zu finden. Jüdinnen*Juden werden dabei als vermeintliche Strippenzieher*innen oder als Profiteur*innen von Krisen ausgemacht.
Äußert sich Antisemitismus in Form von Relativierung, Bagatellisierungen und Leugnungen der Verbrechen des Holocaust wird von Post-Shoah-Antisemitismus als einer Form der Schuld- und Erinnerungsabwehr gesprochen. Hierzu zählen auch die Behauptungen, dass Jüdinnen*Juden aus dem Holocaust Profit schlagen wollten.
Die derzeit häufigste Form von geäußertem Antisemitismus bezieht sich auf den Staat Israel. Nicht jede Kritik an Maßnahmen der israelischen Regierung ist antisemitisch. In der Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt und dem jüngsten Krieg in Gaza ist eine menschenrechtliche Haltung unerlässlich, die alle Opfer des Krieges anerkennt. Doch wie lässt sich eine kritische Haltung gegenüber dem Staat Israel und dem aktuellen Krieg von einer antisemitischen Aussage unterscheiden? Es ist wichtig genau hinzuhören und eine Kritik differenziert zu formulieren. Wenn antisemitische Bilder und Mythen reaktiviert, die Situation in Gaza mit nationalsozialistischen Ghettos oder Netanjahu mit Hitler verglichen, alle Jüdinnen*Juden für das israelische Politik verantwortlich gemacht werden oder der Staat Israel als Ganzes in Frage gestellt wird, lässt sich von Israelbezogenem Antisemitismus sprechen.
Antisemitisch ist auch, wenn »Du Jude!« als Schimpfwort genutzt wird, um andere zu diskreditieren. Jüdinnen*Juden auf ihr Jüdischsein zu reduzieren oder sie als »anders« und nicht zugehörig wahrzunehmen, wird als antisemitisches „Othering“ bezeichnet.
Was tun bei einem antisemitischen Vorfall mit Freiwilligen oder Kolleg*innen
Wenn es zu einer antisemitischen Aussage kommt, ist es wichtig das Verhalten der Verursacher*in oder der Aggressor*in zu stoppen und eine klare Haltung zu zeigen („Eine solche Aussage dulde ich hier nicht.“) – auch wenn Ihrer Kenntnis nach keine jüdischen Personen anwesend sind. Reagieren Sie immer auch bei verstecktem oder nicht beabsichtigtem Antisemitismus. Wenn diskriminierende Aussagen toleriert oder überhört werden, ermutigt dies Beteiligte zu weiteren antisemitischen Ausgrenzungen und schränkt andererseits Betroffene weiter ein. Übernehmen Sie die Verantwortung für ein menschrechtsbasiertes, diskriminierungskritisches Klima und stärken Sie die Perspektiven der Betroffenen.
Machen Sie gegenüber der ausübenden Person deutlich, dass es sich um Antisemitismus handelt, ohne die verantwortliche Person zu verurteilen. Trennen Sie zwischen Person und Aussage. Bedenken Sie, dass eine Aussage bzw. Tat antisemitisch sein kann, auch wenn dies nicht beabsichtigt war.
Schützen Sie Betroffene von Antisemitismus, wenn diese angegriffen werden. Im Fokus sollten die Erfahrungen und Wahrnehmungen der*des Betroffenen stehen, nicht die antisemitische Äußerung oder deren Motivation. Es geht um die Wirkung, nicht um die Intention einer Aussage.
Erst im zweiten Schritt müssen antisemitische Äußerungen und Diskriminierung pädagogisch bearbeitet werden. Auch hier dürfen keine Stigmatisierungen und Verallgemeinerungen erfolgen. Antisemitismus wird oft einseitig der arabischen oder muslimischen wahrgenommenen Community zugeschrieben, was eine weitere Diskriminierung und rassistische Zuschreibungen zur Folge hat. Bleiben Sie also konkret:
Besprechen Sie den konkreten Vorfall und reflektieren Sie dessen Hintergründe.
Suchen Sie ggf. ein Zwiegespräch mit der verantwortlichen Person und stellen Sie Nachfragen, um zu verstehen, was gemeint war. Geben sie der Person die Möglichkeit zur Reflexion.
Tauschen Sie sich mit Ihren Kolleg*innen über den Vorfall aus und überlegen Sie gemeinsam, welche zusätzlichen Maßnahmen sinnvoll sein könnten – möglichweise auch als Unterstützung oder Fortbildung Ihres Teams durch eine Beratungsstelle wie OFEK e.V., Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung. Kommunizieren Sie transparent mit der Betroffenen und erfragen Sie weitere Bedarfe.
Entwickeln Sie langfristige Strategien und Konzepte, um ähnliche Vorfälle zu reduzieren und den Umgang mit antisemitischen Vorfällen zu professionalisieren. Eine Sensibilisierung für und Auseinandersetzung mit Antisemitismus ist ein Lernprozess, der eine kritische Selbstreflexion und Offenheit für eine Auseinandersetzung benötigt.
Hierbei kann die „Checkliste antisemitisch-kritische Schule“ aus der Handreichung „Umgang mit Antisemitismus“ des Anne Frank Zentrums eine erste Orientierung sein.
Autorin: Katinka Meyer
Mehr lesen/ Weiterführende Ressourcen
- Antisemitismuskritik in Bildung und Beratung (2023), Herausforderungen -Entwicklungen – Perspektiven, Spiegelbild. Politische Bildung aus Wiesbaden e.V..
- Sichtbar und aktiv: Haltung zeigen! Argumentieren gegen antisemitische Äußerungen. Ein methodenhandbuch für Trainer*innen, OFEK Hessen Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung, Stiftungsverbund der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie in der Heinrich-Böll-Stiftung, 2019.
- Anne Frank Zentrum (2024), »Umgang mit Antisemitismus« Handreichung für den Einsatz in Grundschule und Orientierungsstufe in Mecklenburg-Vorpommern, www.annefrank.de/antisemitismus-grundschule-mv.
- Anne Frank Zentrum (2025), »Antisemitismus – Erkennen, Verstehen, Handeln« Handreichung und Informationsmaterial für Fachkräfte und Multiplikator*innen, www.annefrank.de/handreichung-antisemitismus-erkennen.
- Czollek, M.: Desintegriert euch! Hanser Verlag, 2020.
- Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung OFEK e.V.
https://ofek-beratung.de/kontakt
Email: kontakt(at)ofek-beratung.de - Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e. V. (Bundesverband RIAS) (2024): Jahresbericht. Antisemitische Vorfälle in Deutschland, https://report-antisemitism.de/bundesverband-rias/#publications.
- Bildungsstätte Anne Frank (2025): Broschüre »Welcher Fluss und welches Meer? – Eine Einordnung der Mythen und Streitpunkte des Israel-Palästina-Konflikts«, https://www.bs-anne-frank.de/mediathek/publikationen/welcher-fluss-und-welches-meer-eine-einordnung-der-mythen-und-streitpunkte-des-israel-palaestina-konflikts.
- Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) (2025): Handreichung »Antisemitismus? Gibt’s hier nicht. Oder etwa doch?« Unterrichtsmaterialien zum Umgang mit Antisemitismus,www.koas-bildungundforschung.de/wp-content/uploads/2025/06/Unterrichtsmaterialien_YV_AS_Gibts_hier_nicht.pdf.
- Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.) (2023): Umgang mit dem „Nahostkonflikt“ und der aktuellen Situation an Schulen, www.kiga-berlin.org/wp-content/uploads/2023/11/240222_KIgA_Handreichung_Screen.pdf.
- Bildung im Widerspruch e.V.: Website »An allem Schuld - Wie Antisemitismus funktioniert«, www.an-allem-schuld.de.